Ich bin schon lange Kundin bei der Tafel

Helga Hindemith ist eine belesene und kulturell interessierte Frau. Ihre Bücher füllen eine ganze Wand ihres Wohnzimmers. Foto: Christian Althoff

Helga Hindemith (87) aus Herford freut sich über Lebensmittel, die vor dem Wegwerfen gerettet wurden.

Richtigen Hunger, sagt Helga Hindemith, richtigen Hunger habe sie als Kind nach dem Krieg gehabt. „Bis 1947, 48. Da musste ich abends oft ohne Essen ins Bett gehen.“ Heute habe sie zum Glück genug im Kühlschrank. „Aber auch nur, weil es die Tafel gibt. Sonst müsste ich mich schon sehr einschränken“, erzählt die 87-Jährige.

Weil ihre Mutter früh gestorben und ihr Vater im Krieg war, wuchs Helga bei ihrem Onkel und ihrer Tante in Hamburg auf. „Ich weiß noch, dass ich im Wald Pilze und Beeren gesucht habe, damit wir etwas zu essen hatten. Da war ich vielleicht zehn Jahre alt.“ Damals hätten sich viele Menschen gegenseitig geholfen: „Wenn jemand hörte, dass es irgendwo etwas zu kaufen oder zu tauschen gab, hat er das weitererzählt. Es gab eine große Solidarität."

Helga Hindemiths Vater kehrte als Deserteur aus dem Krieg zurück. Er war ein politischer Mensch, und seine Tochter trat in seine Fußstapfen. Die Hamburgerin, die nach dem Besuch einer Handelsschule bei einem Steuerberater arbeitete, wurde Mitglied im „Ständigen Kongress gegen die atomare Aufrüstung der Bundesrepublik“, der 1958 gegründet wurde. Sie lernte ihren Mann kennen und heiratete ihn, bevor beide nach Köln zogen. Dort arbeitete Helga Hindemith als Schulsekretärin, und ihr Mann, ein Jurist, hatte eine Stelle bei der Deutschen Friedensunion, einer linken Kleinpartei. „Später machte ich eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Ich wollte nach Palästina gehen und den Menschen dort helfen.

Doch es kam anders. Eine Freundin, die sie als Kind in Hamburg im Luftschutzbunker kennengelernt hatte, hatte es nach Hiddenhausen verschlagen, wo sie für den Paritätischen Hauspflegeverein alte Menschen in deren Wohnungen betreute. „Das war eine sehr dankbare Aufgabe, und ich bin nach meiner Scheidung nach Herford gezogen, um auch in der häuslichen Pflege zu arbeiten.“ Es seien ganz andere Zeiten gewesen damals. „Wir konnten uns in Ruhe um die Alten kümmern und uns mit ihnen unterhalten. Uns saß niemand im Nacken.“ Das habe sich später geändert: „Als in der Pflege festgelegt wurde, welche Aufgabe man in wie vielen Minuten zu erledigen hat, war das nicht mehr mein Beruf.“ 1997 ging Helga Hindemith in Rente, mit 63 Jahren.

Viel Geld hatte die Herforderin nie, aber das hat nicht dazu geführt, dass sie sich eingekapselt hätte. Die 87-Jährige engagiert sich bis heute unter anderem in der AWO, sie besucht die Frauenschreibwerkstatt, sie ist in der Deutschen Friedensgesellschaft aktiv, sie macht in einer Herzsportgruppe mit und erinnert sich gerne daran, zu den Gründern des Rockfestivals „Umsonst und Draußen“ in Vlotho gehört zu haben. Helga Hindemith malt, sie schreibt Gedichte, und sie liest. Heine, Shakespeare, Che Guevara. Man findet sie auf Ostermärschen oder bei „Fridays for Future“, und sie engagiert sich in der Verdi-Seniorengruppe. „Wir sind wahrscheinlich die politischste Seniorengruppe im ganzen Kreis“, lacht die 87-Jährige.

 

Die wissen bei der Tafel, dass ich Vegetarierin bin“

Als sie vor Jahren noch gut zu Fuß gewesen sei, sei sie einmal in der Woche zum Mittagstisch der Diakonie gegangen, erzählt die Herforderin, die neben einer kleinen Rente Wohngeld bekommt. „Es war schön, dort andere Menschen zu treffen und sich auszutauschen.“ Außerdem ging Helga Hindemith einmal in der Woche zur Tafel und packte dort Gemüse, Obst und Brot in ihren Trolley. „15 Jahre war ich dort Kundin. Dann führte die Tafel einen Lieferdienst für alte Menschen wie mich ein, und deshalb bekomme ich meine Sachen seit zwei Jahren nach Hause gebracht.“

In der roten Plastikkiste, die der Ehrenamtler Jörg Depenbrock heute in die Dachgeschosswohnung der Herforderin getragen hat, sind Pastinaken, Rosenkohl, Porree, Kartoffeln, eine Steckrübe, Kohlrabi, Radies­chen, Pflaumen, Feigen, eine Dose Mandarinen. Pralinen und zwei Becher Joghurt. „Die wissen bei der Tafel, dass ich Vegetarierin bin“, sagt die Rentnerin und lacht, während sie die Lebensmittel in ihrer kleinen Küche verstaut. „Schauen Sie mal, wie gut das Gemüse noch aussieht!“, sagt sie. „Mit den Sachen komme ich mindestens eine Woche hin, das hilft mir sehr.“ Sie koche meistens für zwei Tage – das spare Strom. Zwei Euro hat die 87-Jährige für die Lebensmittel bezahlt. Ein Obolus, den die Tafel angesichts hoher Energie- und Spritkosten nötiger braucht denn je.

„Wenn es die Tafel nicht gäbe, fiele es mir schwer, über den Monat zu kommen“, sagt die Rentnerin. „Manche Menschen fühlen sich schuldig daran, dass sie arm sind, und sie verschweigen deshalb, dass sie zur Tafel gehen. Ich finde das nicht richtig, aber so sind die Gefühle eben. Manche schämen sich einfach.“

 

Ihr Traum: eine sozialistische Gesellschaft

Trotz ihrer Situation hat die 87-Jährige nie den Blick fürs große Ganze verloren. „In Deutschland sind zwar Hunderttausende auf die Tafeln angewiesen, aber in anderen Teilen der Welt gibt es doch noch ganz anderen Hunger. In Afrika zum Beispiel oder in Südamerika. Nein, der Hunger ist nicht aus der Welt – leider“, sagt die Rentnerin und wirkt nachdenklich. Ihr Traum sei eine sozialistische Gesellschaft, erzählt sie. In der die Ungleichheit beseitigt sei und soziale Gerechtigkeit herrsche, fährt Helga Hindemith fort. „Aber ich muss zugeben, dass ich kein Land kenne, in dem das funktioniert.“

Ihre Freude am Leben und ihre positive Grundeinstellung schmälert das aber nicht. „Jetzt stehen erstmal die Weihnachtsfeiertage vor der Tür, an denen ich zu meiner Familie reisen werde. Ich habe zwei Kinder, drei Enkel und eine Urenkelin und freue mich schon, alle wiederzusehen!“



Tafel Lübbecker Land: „An manchen Tagen reicht das Essen nicht“

„Es ist längst nach zwölf“, betont der Fördervereins-Vorsitzende Jürgen Obernolte (links). Gemeinsam mit seinen beiden Mitstreiterinnen Sabine Linz-Struckmeier (Mitte) und Carola Biermann macht er auf die immer schwieriger werdende Situation der Tafel im Lübbecker Land aufmerksam. Foto: Sonja Töbing

„Wir wünschen uns mehr Unterstützung und mehr Hilfe seitens der Politik. Wir wünschen uns Gesetzesänderungen, die unsere Arbeit deutlich erleichtern würden.“

An einem trüben Novembertag sitzen Jürgen Obernolte, Vorsitzender des Fördervereins Tafel Lübbecker Land, und seine Stellvertreterin Sabine Linz-Struckmeier im Büro von Carola Biermann im Arbeits-Leben-Zentrum in Espelkamp.

Die Situation der Tafeln in ganz Deutschland spitzt sich dramatisch zu, auch im Altkreis Lübbecke sind die Folgen von Corona und Ukraine-Krieg deutlich zu spüren.

Immer mehr Menschen sind auf die Lebensmittel-Ausgabe der gemeinnützigen Hilfsorganisation angewiesen. „Und angesichts der derzeitigen Lage werden in den nächsten Monaten garantiert noch mehr Hilfsbedürftige dazukommen“, ist sich Jürgen Obernolte sicher.

 

Tafel hilft 1900 Menschen

„Derzeit erhalten etwa 1900 Menschen im Lübbecker Land unsere Lebensmittel, darunter sind 814 Kinder und Jugendliche“, sagt der Fördervereins-Vorsitzende. Seit März dieses Jahres seien 600 Hilfesuchende hinzugekommen – ein dramatischer Anstieg, wie die beiden Vorsitzenden betonen. „Stark betroffen sind alleinstehende Frauen, die von ihrer Witwenrente leben müssen und angesichts der steigenden Energie- und Lebensmittelpreise in Not geraten“, sagt Sabine Linz-Struckmeier.

An manchen Tagen müssen Betroffene ohne Lebensmittel nach Hause geschickt werden. Denn mittlerweile haben die 47 kooperierenden Supermärkte die Spenden stark reduziert. So stellen manche Anbieter keine Milchprodukte mehr zur Verfügung, sondern entsorgen diese, obwohl sie noch verwertbar wären. „Man kann nur mit dem Kopf schütteln“, sagt Sabine Linz-Struckmeier. An dieser Stelle sei eine Gesetzesänderung dringend notwendig. „In Frankreich dürfen Supermärkte ab einer Größe von 400 Quadratmetern keine noch verwertbaren Lebensmittel entsorgen. Genau das möchten wir auch hier in Deutschland erreichen.“

Eine entsprechende Petition sei auf den Weg gebracht worden, doch verhalle die Forderung nach einer Gesetzesänderung scheinbar. „Dass bei den derzeitigen Energiekosten für die Tonne produziert wird – das kann man doch heute niemandem mehr erklären.“

 

Kosten laufen davon

Während die Lebensmittel-Spenden immer geringer ausfallen, steigen die laufenden Kosten rasant. „Wir benötigen pro Jahr 70.000 Euro an Spenden, um Miete, Benzin, Strom und Gas bezahlen zu können. Allein für Sprit werden 12.000 Euro veranschlagt“, sagt Jürgen Obernolte. Erst kürzlich habe er eine Nachzahlungsforderung in Höhe von 5000 Euro für Strom erhalten. „Und das wird wohl erst der Anfang gewesen sein.“ Zwar sei die Spendenbereitschaft der Bevölkerung noch gut, doch könne sich das Blatt auch hier rasch wenden.

Angesichts der vielen Krisen in den vergangenen zwei Jahren sieht sich auch die Lübbecker Tafel erstmals dazu gezwungen, Lebensmittel dazuzukaufen, um die Versorgung aller hilfsbedürftigen Menschen zu gewährleisten. „Alleine in diesem Jahr mussten wir dafür 10.000 Euro in die Hand nehmen“, sagt Obernolte, und die kalten Wintermonate stünden ja erst noch bevor. „Das Zukaufen von Lebensmitteln war nie Sinn und Zweck der Tafel. Es ist nicht mehr fünf vor zwölf, sondern deutlich nach zwölf“, warnt der Vorsitzende.



Brigitte Hoefs (87) ist die älteste Mitarbeiterin der Bielefelder Tafel

Für Brigitte Hoefs, der ältesten Mitarbeiterin der Bielefelder Tafel, beginnt der Arbeitstag mit Brot, Brötchen und Kuchen. Die Backwaren müssen auf 120 Tüten verteilt werden. Foto: Bernhard Pierel

Nur keine Barmherzigkeit vortäuschen. Brigitte Hoefs (87) arbeitet nicht jeden Tag in der Bielefelder Tafel mit, weil sie dadurch in den Himmel kommen will. Sie arbeitet mit, weil ihr der Hausarzt das empfohlen hat.

„Frau Hoefs“, habe der gesagt, „solange Sie in der Tafel mitarbeiten, ist alles in Ordnung.“ Damit verfügt die älteste, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Bielefelder Tafel über eine medizinische Legitimation für ihr außergewöhnliches Engagement. Seit 15 Jahren ist sie dabei. Fährt täglich auf 9.30 Uhr mit der Linie 30 von ihrer Wohnung in Heepen aus zum Rabenhof im Ortsteil Baumheide. Dort werden täglich nicht verkaufte Waren aus 45 Bielefelder Supermärkten, Bäckereien und Herstellern angeliefert, sortiert und verteilt. 70 Tonnen Lebensmittel werden auf diese Weise hier pro Monat gerettet und vermittelt.

Start mit Teigwaren

Brigitte Hoefs beginnt immer mit den Teigwaren. Also mit Brot, Brötchen, Kuchen, Teilchen. Die nimmt sie aus den angelieferten Bäckerkisten und verteilt sie auf 120 weiße Tragetüten. Anschließend folgen Eier, Kartoffeln, Gemüse, Obst. Wieder 120 Tüten. Die Waren dürfen nicht in eine Tasche zusammengepackt werden, das Veterinäramt wacht darüber. Ebenso müssen Tiefkühlprodukte separat eingepackt werden.

Um 11.30 Uhr ist Pause. Zeit für eine Tasse Kaffee. Ob wir uns kurz einmal unterhalten können? „Einen Moment,“ sagt Brigitte Hoefs, greift sich ein Kehrblech und fegt die Krümel auf und unter dem Tisch zusammen, die beim Verpacken heruntergerieselt sind. Dann hängt sie das Kehrblech samt Handfeger wieder an den Haken neben der Tür: „Das muss da immer wieder hin. Wenn es auch nur einmal den Raum verlassen würde, wäre es für immer verschwunden.“ Eine Erfahrung au

Unter Menschen

Sie sei damals zur Tafel gekommen, um der Stille ihrer Wohnung zu entfliehen. Ihre drei Kinder waren erwachsen, sie leben inzwischen mit ihren eigenen Familien anderswo in der Stadt. Ihr Mann Siegfried war gestorben. Sie war soeben in Rente gegangen, nach 26 Jahren Dienst in der Sparkassenküche. Die dort unter Zeitdruck erlernten Handgriffe sind ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Sie fährt mit einem feuchten Tuch über den Sortiertisch, während sie aufblickt und spricht: „Hier komme ich unter Menschen. Ich rede mit meinen Kollegen über die Fernsehnachrichten von gestern Abend, über Zeitungsmeldungen oder über das Wetter.“

Brigitte Hoefs ist in Bromberg in Westpreußen aufgewachsen. 1953, im Jahr des Arbeiteraufstandes in der damaligen DDR, verließ sie ihre Heimat in Mecklenburg-Vorpommern und landete in Moers-Kapellen im Rheinland. Einen politischen Grund habe sie dafür nicht gehabt: „Ich war jung und wollte einfach noch etwas anderes erleben.“ Zwei Jahre später zog sie nach Herford um, der Liebe wegen. Als die Kinder kamen, suchte das Paar eine neue Wohnung und fand etwas in Bielefeld. 1970 nahm sie ihre Arbeit bei der Sparkasse auf.


Bringdienst der Herforder Tafel fährt 60 Adressen an

Die Nikoläuse der Herforder Tafel
Diplom-Pädagogin Barbara Beckmann gründete vor 18 Jahren die Herforder Tafel und ist bis heute die Vorsitzende des Vereins. Foto: Althoff
Die Tafel-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kontrollieren und sortieren angeliefertes Obst und Gemüse für die Ausgabe am Nachmittag. Foto: Althoff

 

 

Im Corona-Lockdown alte und gehbehinderte Menschen beliefert - Service blieb

28 Stufen, dann hat Jörg Depenbrock die Dachgeschosswohnung von Helga Hindemith erreicht. Die 87 Jahre alte Rentnerin freut sich, als sie den ehrenamtlichen Helfer der Tafel sieht, und führt ihn in die Küche.

Dort stellt Jörg Depenbrock die rote Plastikkiste mit Rosenkohl, Kohlrabi, Pastinaken, Radieschen, einer Dose Mandarinen, Joghurt und Pralinen ab und nimmt die leere Kiste von seinem letzten Besuch wieder mit.

„Unser Bringdienst für alte und gehbehinderte Menschen hat seinen Ursprung im ersten Jahr der Corona-Pandemie“, sagt Barbara Beckmann. Sie ist die Gründerin der Herforder Tafel und bis heute die Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins.

Ursprünglich arbeitete die Diplom-Pädagogin bei der Caritas, dann lief ihr Vertrag 2004 aus. „Eine neue Stelle war nicht in Sicht, und ich wollte weiter im sozialen Bereich arbeiten“, sagt sie. Deshalb habe sie zusammen mit dem Sozialpfarrer Holger Kasfeld die Herforder Tafel gegründet. „Ich habe mit einem Zeitungsartikel nach Ehrenamtlern gesucht, und einer, der sich gemeldet hat, war unser späterer Schatzmeister Klaus Umbeck.“ Der sei damals 72 gewesen und habe dem Verein einen Kredit von 4000 Euro gegeben. „Das war unser Startkapital.“ Später war Barbara Beckmann Mitbegründerin des nordrhein-westfälischen Landesverbandes der Tafeln. „So einen Überbau braucht man unter anderem, um Großspenden zu kanalisieren. Wenn Wagner uns einen Sattelauflieger mit Tiefkühlpizzen spendet, wäre jede Tafel damit überfordert. Das muss gelagert und verteilt werden, und da hilft der Landesverband.“

Die Herforder Tafel startete 2004 in einem ehemaligen Blumengeschäft auf 50 Quadratmetern. „Es war kein Problem, Lebensmittelspenden zu bekommen. Die Märkte waren froh, dass wir die Sachen abholten.“ Für die etwa 60 Kunden der Anfangszeit habe man zweimal in der Woche geöffnet. „Dienstags und freitags. Freitags ausschließlich für alte Menschen.“ Die hätten sich nämlich oft geschämt, zur Tafel zu gehen. „Und darum wollten wir, dass sie unter sich sein konnten.“

Immer mehr Menschen suchten Hilfe bei der Herforder Einrichtung. „Vor allem nach Inkrafttreten der Hartz-IV-Gesetze“, sagt Barbara Beckmann. Heute sind es 3500 Menschen aus dem Kreis Herford, denen der Verein unter die Arme greift – nicht nur in der Herforder Zentrale, die vor Jahren in ein 300 Quadratmeter großes Gebäude umgezogen ist, sondern auch in den vier Außenstellen Enger, Spenge, Kirchlengern und Hiddenhausen. „Diese Ausgabestellen wurden nötig, weil wir der Menschenmassen an einem zentralen Ort nicht mehr Herr wurden“, sagt die Tafel-Vorsitzende. Der Vorteil für viele Kunden sei, dass sie sich die Kosten für Bus oder Auto sparen könnten.

Der Beginn der Corona-Pandemie 2020 war ein massiver Einschnitt. „Wir haben die Tafel erstmal für zwei Wochen geschlossen – auch zum Schutz unserer Mitarbeiter.“ Landrat Jürgen Müller habe sich dann gemeldet und sie gefragt, ob sie nicht doch eine Möglichkeit sehe, weiter zu helfen. „So ist die Idee entstanden, den Menschen die Lebensmittel nach Hause zu bringen.“ Nicht allen 3500, aber denen, die angerufen und nach Essen gefragt hätten. „Darunter waren auch viele alte Menschen, die vorher noch nicht bei uns waren.“

Der Landrat habe dafür gesorgt, dass die Tafel im ersten Corona-Jahr mit 50.000 Euro unterstützt worden sei. „Wir konnten unter anderem einen Renault Kangoo mit Kühlanlage kaufen und hatten auch genug Geld für den Sprit.“ Es habe damals die Überlegung gegeben, städtische Arbeiter als Fahrer einzusetzen, aber das sei nicht nötig gewesen: „Unsere Ehrenamtler waren alle an Bord. Auf die konnte ich mich verlassen.“

Als die harten Kontaktbeschränkungen irgendwann aufgehoben worden seien, habe man den Transportdienst einfach weiter angeboten. „Es sind jetzt ungefähr 60 alte oder gehbehinderte Leute, die wir einmal in der Woche beliefern. Natürlich sind die alle sehr dankbar.“

Aktuell spürt die Tafel wie jeder andere aus die erheblich gestiegenen Spritpreise. Und wie die nächste Stromrechnung aussehen wird, weiß Barbara Beckmann noch nicht. „Die Abrechnung kommt ja erst noch.“ Große Stromsparmöglichkeiten habe der Verein nicht, aber er habe eine Photovoltaikanlage auf dem Dach, die er noch vergrößern wolle. „Lidl-Kunden können seit einigen Jahren ihren Pfandbon spenden, und das Geld kommt den Tafeln zugute. Aus diesem Topf haben wir unsere Photovoltaikanlage bezahlt bekommen.“

Vier Tage in der Woche arbeitet Barbara Beckmann für die Tafel – ehrenamtlich. Ihr Ehemann Bernd, Geschäftsführender Gesellschafter des Herforder Softwareunternehmens „3tec“, das auf die automatisierte Steuerung von Möbelproduktion spezialisiert ist, hält ihr finanziell den Rücken frei. So hat die Tafel nur zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen, die der Verein bezahlen muss. Etwa 75 Ehrenamtler sorgen dafür, dass die Lebensmittel abgeholt, sortiert und verteilt werden. Unterstützt werden sie von zwölf Frauen und Männern, die das Jobcenter geschickt hat und deren Lohn weitgehend vom Staat bezahlt wird. Barbara Beckmann: „Aktuell leisten außerdem zwei Leute ihren Bundesfreiwilligendienst bei uns ab. Es wäre toll, wenn das mehr täten.“

 


Wie ein Postbeamter zum Tafel-Helfer wurde

An der Laderampe dieses Netto-Marktes stehen Kisten mit unverkäuflichen Lebensmitteln bereit, die Werner Hengst in seinen Sprinter lädt. Wenn sich der 59-Jährige nicht für die Tafel engagiert, fiebert er bei Spielen des SC Paderborn mit und geht seinem Hobby als Sportkegler nach: Der Paderborner kegelt für die TSG Rheda in der Nordrhein-Westfalen-Liga. Foto: Althoff

Die erste Tour zu Bäckereien und Discountern haben sie schon hinter sich, als Werner Hengst (59) und sein Beifahrer Reinhold Herbstreit (63) gegen 10 Uhr mit ihrem Sprinter den Hof der Paderborner Tafel verlassen. Es geht rechts herum, in Richtung Ortsteil Sande, zum Aldi. „Mal sehen, was die heute für uns haben“, sagt Werner Hengst. „Das ist jedes Mal eine Überraschung.“

Der 59-Jährige ist einer von etwa 150 Ehrenamtlichen, die die Paderborner Tafel am Leben halten. Früher war Hengst Postbeamter. Gleich nach der Schule hatte er mit 15 Jahren seine Ausbildung begonnen – im Zustelldienst. Später wurde er Schalterbeamter, und zum Schluss organisierte er den Personaleinsatz. Da war die Post schon längst keine Behörde mehr, sondern eine AG. Und die wollte ihre letzten Beamten loswerden, so wie die Telekom und die Bahn auch. „Es gab deshalb das Angebot, ab 55 in Pension zu gehen, wenn der Arbeitsplatz wegrationalisiert werden kann und man sich zu 1000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit oder einem Jahr Bundesfreiwilligendienst verpflichtete“, erzählt der Paderborner. Das Angebot nutzte er und stieg im Mai 2021 bei der Post aus. „Ich kannte zwei Frauen, die sich bei der Tafel engagierten, und deshalb habe ich mich da gemeldet.“

 

1000 Stunden Arbeit

Drei Jahre Zeit hätte der Pensionär gehabt, um die 1000 Stunden nachzuweisen, aber Werner Hengst hatte sie bereits nach einem Jahr abgeleistet. „Es gibt so viel zu tun bei der Tafel, und die Arbeit macht ja auch Spaß“, sagt er. Deshalb blieb der alleinstehende Paderborner bei der gemeinnützigen Einrichtung und arbeitet dort als Fahrer – drei oder vier Mal in der Woche, von 7.30 bis 13.30 Uhr.

Obst noch gut

Die beiden Männer haben den Aldi erreicht, und Werner Hengst steuert den Transporter rückwärts an die Laderampe. Dort stehen die Lebensmittelspenden in schwarzen Kunststoffkisten bereit. Orangen, Spitzpaprika, Bananen, Brokkoli und ein großer Plastiksack mit Brot und Brötchen. Das Obst sieht sehr gut aus, aber wenn in einem Beutel Orangen eine faule Frucht steckt, ist die ganze Packung unverkäuflich. In zwei Stunden werden andere Ehrenamtler in der Zentrale der Paderborner Tafel am Bayernweg das schlechte Obst aussortieren und so die unbeschädigte Ware retten.

Reinhold Herbstreit packt die Lebensmittelspenden in Kisten der Tafel um und lädt sie in den Sprinter. „Die Ausbeute ist gut“, sagt er und erklärt, die Märkte gäben inzwischen viel weniger ab als früher. „Wegen der hohen Preise kaufen sie vorsichtiger ein, und dann bleibt natürlich auch weniger für die Tafeln übrig.“

Weiter geht‘s zum Supermarkt der britischen Streitkräfte in Paderborn, der NAAFI. Schon aus der Entfernung erkennt Werner Hengst, dass heute nichts am Hintereingang bereitsteht, und dreht ab. Jetzt geht es nach Hövelhof, zu Lidl, Aldi und Netto. Die Route führt an einem Edeka-Markt vorbei, den Werner Hengst aber links liegen lässt. „Der spendet seine Lebensmittel an die Hilfseinrichtung der Kolpingfamilie“, sagt der 59-Jährige.

 

4800 Tafelkunden

4800 bedürftige Menschen unterstützt die Paderborner Tafel jede Woche. An zwölf Ausgabestellen im Kreisgebiet bekommen die Kunden Lebensmittel, für die sie pauschal 2,50 Euro pro erwachsenem Haushaltsmitglied bezahlen müssen. „Die Nachfrage ist so groß, dass wir einen Aufnahmestopp verhängen mussten“, sagt Tafel-Geschäftsführer Wolfgang Hildesheim (68). „Erst im Februar können sich wieder neue Bedürftige bei uns melden.“

Noch ein Stopp bei Penny – dann sind Werner Hengst und Reinhold Herbstreit auf dem Rückweg von ihrer 30 Kilometer langen Tour. Sie erzählen, dass sie gehbehinderten alten Menschen manchmal auch die Lebensmittel nach Hause brächten. „Die freuen sich richtig. Man hat fast den Eindruck, die haben sonst keine sozialen Kontakte“, sagt Werner Hengst, und Reinhold Herbstreit ergänzt, dass viele dieser alten Menschen die 2,50 Euro in kleinen Münzen bezahlten. „Geld wechseln mussten wir noch nie. Die haben wirklich nicht viel zum Leben. Da kommt man schon ins Grübeln.“

 

 

 

Gütersloher Tafel hat im vergangenen Jahr 127 Tonnen Lebensmittel umgeschlagen

Tafel-Mitarbeiter Mirko Formosa rangiert eine Palette mit Rapsöl an ihren Stellplatz. „Aus diesem Leger versorgen wir 19 Tafeln in Westfalen mit Spenden aus der Industrie“, sagt Ruth Prior-Dresemann (l.), die Geschäftsführerin der Gütersloher Tafel. Foto: Christian Althoff

Waren-Drehscheibe für 19 andere Tafeln in Westfalen

Der Mann, der die Gütersloher Tafel verlässt, hat eine sogenannte Nottüte ergattert – einen Beutel mit Lebensmitteln, den hier jeder bekommt, der noch nicht bei der Tafel registriert ist, aber nach eigenen Angaben nicht mehr genug zu essen hat. Die Hilfe gibt es schnell und unbürokratisch. Erst wenn der Mann ein zweites Mal kommen sollte, würde seine Bedürftigkeit geprüft.

„Ursprünglich sollte die Lebensmittelausgabe der Tafeln Familien finanzielle Luft verschaffen, damit sie mit den Kindern auch mal was unternehmen können“, sagt Ruth Prior-Dresemann, die Geschäftsführerin der Gütersloher Tafel. Doch darum gehe es heute oft nicht mehr. „Heute kommen manche Menschen ohne die Tafeln überhaupt nicht mehr über die Runden.“

Mit ihren 55 Verteilstellen im Kreis Gütersloh unterstützt die Tafel etwa 4600 Bedürftige – 800 mehr als noch vor einem Jahr. Das liege vor allem an den gestiegenen Preisen für Lebensmittel, Strom und Gas. „Weil die Nachfrage bei uns dramatisch zunimmt, die Zahl der gespendeten Lebensmittel aber nicht, müssen wir unser Angebot zum Teil einschränken“, sagt die Geschäftsführerin. „Einige Ausgabestelle haben eine Warteliste, und bei anderen bekommen Kunden nicht mehr wöchentlich ihre Kiste mit Lebensmitteln, sondern nur noch alle 14 Tage.“

Es ist ein gewaltiger logistischer Aufwand, um die Gütersloher Tafel mit ihren 480 zumeist ehrenamtlichen Mitarbeitern zu organisieren. Manche Ehrenamtler arbeiten einmal in der Woche für drei Stunden in der Ausgabe, andere engagieren sich täglich in der Zentrale an der Kaiserstraße. „Wie viel ein Ehrenamtler arbeiten möchte, kann er selbst festlegen“, sagt Ruth Prior-Dresemann, die sich über das große freiwillige Engagement freut.

 

Unterwegs zu 180 Abgabestellen

Mit zwei Lastwagen, fünf Sprintern und einem Bulli sind Tafel-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ständig unterwegs, um Lebensmittel von den 180 Abgabestellen wie Discountern, Einzelhändlern oder Bäckereien heranzukarren. Die Gütersloher Tafel ist so organisiert, dass die Kunden einen festen Abholtermin haben und dann eine Kiste für sie bereitsteht. „Wir wissen, wie viele Menschen zu einem Haushalt gehören und ob es Vegetarier oder vielleicht Muslime sind“, sagt die Geschäftsführerin. „Niemand muss etwas mitnehmen, was er nicht mag.“

Je nach Personenzahl kostet eine Kiste mindestens 2,50 Euro – ein Obolus, den die Tafel auch angesichts steigender Energiekosten dringend braucht. „Wir haben letztes Jahr 75.000 Kilowattstunden Strom verbraucht“, sagt Ruth Prior-Dresemann. Ein Grund sind die großen Kühl- und Tiefkühlkapazitäten der Gütersloher Tafel, denn sie versorgt nicht nur die eigenen Ausgabestellen, sondern ist zentrale Verteilstelle für 19 Tafeln in Westfalen.

 

In Nordrhein-Westfalen gibt es sieben Verteillager

Sieben solcher Lager gibt es in NRW. Sie sind die Anlaufstellen für Lieferungen aus der Lebensmittelindustrie. „Das kann eine Palette mit Gewürzen sein, das ist aber auch schonmal ein Sattelauflieger mit 33 Paletten Tiefkühlpizzen“, sagt Ruth Prior-Dresemann. Weil die örtlichen Tafeln mit der Annahme und Lagerung solchen Mengen überfordert wären, fahren die Lastwagen der Lebensmittelhersteller die sieben Verteillager an, deren Mitarbeiter dann die Weitergabe an die übrigen Tafeln organisieren. 127 Tonnen Lebensmittel und andere Bedarfsgüter haben die Gütersloher im vergangenen Jahr auf diese Weise in ihrem Verteillager umgeschlagen. Die zusätzlichen Kosten, die durch das Lager entstehen, trägt der Landesverband der Tafeln.

Erst vor ein paar Tagen sind im Lager Paletten mit Lego-Figuren angekommen, die noch vor Weihnachten an die anderen Tafeln weitergegeben werden sollen. Noch lagert die Spende von Lego Deutschland neben Kartons mit Waschmittel, Rapsöl, Lebkuchengewürzen und ungezählten Paletten mit Sauce Hollandaise. Ein Hersteller hat die Tafeln in NRW kürzlich mit Unmengen dieses Saisonartikels versorgt, und Ruth Prior-Dresemann versucht, das Beste daraus zu machen. „Die Leute können die Soße ja nicht nur für Spargel nehmen, sondern auch für Kartoffelaufläufe oder Broccoli“, sagt sie.

Die WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion unterstützt diesmal die Tafeln in Ostwestfalen-Lippe, die enorm gestiegene Kosten für Strom, Miete und Benzin schultern müssen.

Der Fall zeige, dass die Tafeln der Industrie letzten Endes auch die Entsorgung unverkäuflicher Waren ersparten, und nicht bei jeder Warenspende unbedingt die Unterstützung Bedürftiger im Vordergrund stehe. „Grundsätzlich freuen wir uns aber über jeden, der uns beliefert. Es wäre schön, wenn sich noch mehr Unternehmen entschlössen, den Tafeln zu helfen, anstatt die Lebensmittel wegzuwerfen oder an Biogasanlagen zu verkaufen.“

Manchmal die letzte Chance, satt zu werden

Hochbetrieb bei der Tafel in Herford: Ein Transporter hat die erste Lebensmittellieferung an diesem Morgen gebracht. Die Ehrenamtlichen stehen bereit, um verdorbenes Obst und Gemüse auszusortieren und die Waren für die Ausgabe am Nachmittag vorzubereiten. Die Herforder Tafel mit ihren fünf Ausgabestellen im Kreis habe etwa 2500 Kunden, sagt die Vorsitzende Barbara Beckmann. Foto: Christian Althoff
Die NRW-Tafel-Vorsitzende Evi Kannemann, Schatzmeister Hartwig Szymiczek und Landesverbands-Sprecherin Petra Jung arbeiten ehrenamtlich. Foto: Christian Althoff

Seit Jahresbeginn hat sich in NRW die Zahl der Tafel-Kunden fast verdoppelt

Neuss - Lebensmittel im großen Stil vor der Mülldeponie zu retten und sie Bedürftigen zu geben – das sind die Ziele der gemeinnützigen Tafeln, und immer mehr Menschen sind auf diese Einrichtungen angewiesen. Doch die Lebensmittelspenden sind nicht mehr so üppig wie noch vor Monaten.

„Die Energiekrise mit ihren Preissteigerungen trifft natürlich auch die Händler. Und wenn sie früher Waren mit ablaufendem Haltbarkeitsdatum an die Tafeln abgegeben haben, versuchen sie jetzt oft, die Produkte mit drastischen Preissenkungen doch noch zu verkaufen“, sagt Evi Kannemann. Die 61-Jährige ist kommissarische Vorsitzende des Landesverbandes „Tafel Nordrhein-Westfalen“ in Neuss. Der ehrenamtlich arbeitende Verband unterstützt die Tafeln in Nordrhein-Westfalen durch die Akquise, Koordinierung und Logistik großer Spenden, die sattelschlepperweise von einigen Sponsoren aus der Lebensmittelindustrie zu den sieben Verteilerzentren in NRW kommen. Außerdem vertritt der Landesverband die Tafeln durch Lobbyarbeit in der Landeshauptstadt. Die 172 Tafeln in NRW betreiben etwa 500 Ausgabestellen und sind unterschiedlich organisiert „Eine Hälfte wird von Wohlfahrtsorganisationen wie der Diakonie, der Caritas oder der AWO betrieben, die andere von Ehrenamtlern in der Form von Vereinen“, sagt Hartwig Szymiczek (60), Schatzmeister beim Verein „Tafel Nordrhein-Westfalen“. Landesweit engagieren sich 12.600 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer. „Vor allem Frauen ab 60“, sagt Evi Kannemann. „Wie anderen Organisationen fehlt auch uns der Nachwuchs.“

Die Freiwilligen haben mehr als genug zu tun und keine Zeit, auch noch Statistiken zu führen. Aber in Neuss geht man davon aus, dass die Tafeln in NRW inzwischen regelmäßig etwa 500.000 Menschen unterstützen – fast doppelt so viele wie noch zu Jahresbeginn. „Die meisten von ihnen kämen sonst nicht über die Runden“, sagt Sprecherin Petra Jung (63).

Landesweit engagieren sich 12.600 ehrenamtliche Helfer

Einen Tafel-Verein zu betreiben sei eine enorme organisatorische Herausforderung, nicht nur was die Personalplanung der Ehrenamtlichen angehe, sagt die Sprecherin. „Die Lebensmittel müssen aus den Läden abgeholt werden, wobei der Handel die Zeiten vorgibt. Das kann auch schonmal ganz früh morgens sein. Trotzdem müssen Touren ökonomisch geplant werden, damit wir nicht zu viel Sprit verfahren.“ Anschließend werde die Ware ausgeladen, kontrolliert und Verdorbenes aussortiert. Milchprodukte würden in Kühlschränke oder Kühlräume gepackt, Gefrierkost in Truhen, der Rest komme in Regale.

Wann und wie die Lebensmittel ausgegeben würden, entscheide jede Tafel selbst. „Das hängt auch von der Zahl der Freiwilligen und der örtlichen Gegebenheiten ab. Manche können nur einmal in der Woche öffnen und räumen dann Tische und Kühltruhen ins Gemeindehaus. Andere haben eigene Räume und öffnen an sechs Tagen“, sagt Evi Kannemann. Auch die Ausgabe unterscheide sich, ergänzt Petra Jung: „Einige Tafeln sind wie kleine Tante-Emma-Läden organisiert, andere geben vorgepackte Tüten aus. Wobei keiner etwas mitnehmen muss, was er nicht mag.“

Organisatorisch haben die Tafeln nichts mit dem Staat zu tun, und deshalb hat auch niemand einen Anspruch, Lebensmittel von ihnen zu bekommen. In der Regel geben die Einrichtungen Essen an Menschen ab, die staatliche Hilfen bekommen wie Wohngeld, Grundsicherung, Hartz IV. „Aber auch an Aufstocker, bei denen das Geld einfach nicht reicht, um die Familie satt zu bekommen“, sagt Evi Kannemann.

Wer staatliche Unterstützung und die Zahl der in seinem Haushalt lebenden Menschen nachweist, bekommt von den Tafeln einen Ausweis, mit dem er dort einkaufen kann – meistens einmal pro Woche. „Für einen kleinen Einkaufswagen voll mit Lebensmitteln im Wert von etwa 50 Euro bezahlen die Leute zwischen einem und drei Euro. Das legt jede Tafel selber fest“, sagt Hartwig Szymiczek. Diese Einnahmen seien lebenswichtig für die Vereine. Selbst eine kleine Tafel könne schnell monatliche Fixkosten von 5000 Euro haben – für Benzin, Strom, Miete, Versicherungen und Müllentsorgung. „Abfall ist ein großes Thema“, sagt Szymiczek. „Die Tafeln müssen große Mengen Lebensmittel entsorgen, die nicht mehr verwertbar sind, und die entsprechenden Unternehmen lassen sich das gut bezahlen.“ Es wäre schön, sagt der Ehrenamtliche, wenn städtische oder private Entsorgungsbetriebe die Tafeln sponsern würden, „aber das ist noch der Ausnahmefall.“ Auch bei der Kraftfahrzeugsteuer für die Transporter seien Tafeln noch immer nicht Wohlfahrtsverbänden gleichgestellt, die für Hilfsgütertransporte grüne, steuerbefreite Kennzeichen beantragen könnten.

In letzter Zeit drifteten in vielen Städten Angebot und Nachfrage bei den Tafeln auseinander, sagt Petra Jung. Die Lage habe sich nicht nur durch die massive Verteuerung von Lebensmitten verschärft, sondern auch durch die große Zahl der Ukraineflüchtlinge, die von den Tafeln unterstützt würden. „Die Belastung der Ehrenamtlichen ist vielerorts enorm. Manche sind wirklich am Limit.“

In erster Linie geben die Tafeln Gemüse und Obst aus

In erster Linie geben die Tafeln Gemüse und Obst aus, weil der Handel das loswerden möchte, bevor er es selbst teuer entsorgen muss. „Allerdings merken wird, dass die Händler wegen der hohen Gemüsepreise vorsichtiger einkaufen als früher und deshalb auch weniger für uns übrigbleibt. Das war sonst erst immer im Januar, Februar so“, sagt Evi Kannemann.

Während ältere Tafelkunden Gemüse bevorzugten, freuten sich jüngere, wenn es Pizza gebe. „Wagner hat ein großes Herz für die Tafeln und schickt uns manchmal Sattelzüge mit Tiefkühlpizzen“, sagt Evi Kannemann. Auch die dänisch-schwedische Molkereigenossenschaft Arla und Bo­frost gehörten zu den großen Unternehmen, die regelmäßig hülfen. Auch Rewe engagiere sich über die reine Abgabe von Lebensmitteln hinaus. „Rewe hat uns Zehn-Euro-Gutscheine zugesagt, die die Tafeln verteilen dürfen.“

Weil große Spendenlieferungen aus der Industrie verteilt werden müssen, gibt es in Nordrhein-Westfalen sieben Regionallager, die die Tafeln um sie herum versorgen. Eines ist in Gütersloh und beliefert von dort die Tafeln in Ostwestfalen-Lippe – manchmal auch mit ganz ungewöhnlichen Waren. Evi Kannemann: „Lego hat uns 200 Paletten versprochen, die noch vor Weihnachten an die Tafeln gehen sollen. Eine tolle Idee, um vielen tausend Kindern eine Freude zu machen.“ie NRW-Tafel-Vorsitzende Evi Kannemann, Schatzmeister Hartwig Szymiczek und Landesverbands-Sprecherin Petra Jung arbeiten ehrenamtlich.

Dem Winter sehen die Tafeln, die von ihren Einnahmen und Geldspenden leben, mit Sorge entgegen. „Die hohen Strom- und Heizkosten sind eine große Belastung“, sagt Hartwig Szymiczek. „Wenn eine Tafel die nicht stemmen kann, muss sie schließen – und davon wären unter Umständen hunderte Familien betroffen.“ Es sei gut, dass Sozialminister Karl-Josef Laumann den Winter über jede Tafel mit 1500 Euro im Monat unterstütze, aber das werde vielerorts nicht reichen. Evi Kannemann: „Die Tafeln freuen sich deshalb über jeden Euro, der gespendet wird. Er hilft Familien und Alleinstehenden, die unsere Hilfe wirklich brauchen.“